Glauben Sie, dass die Unternehmen genug unternehmen, um flexible Arbeit wie zum Beispiel Homeoffice zu unterstützen und negative psychische Auswirkungen zu verhindern?

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Das kann man nicht pauschal beantworten. Die verschiedenen flexiblen Arbeitsmodelle, wie auch das Homeoffice, bedingen aber grundsätzlich einen höheren Digitalisierungsgrad. Die Covid-19 Pandemie hat die Digitalisierung in ganz Europa nachweislich stark beschleunigt. Dadurch ergibt sich grundsätzlich schon eine höhere psychische Belastung der Mitarbeiter, denn die Digitalisierung geht mit ca. 15% erhöhter emotionaler Erschöpfung einher (Prof. Böhm, Universität St. Gallen, 2017). Hierbei kommt der guten Beziehungsqualität zur Führungskraft eine hohe Bedeutung zu, denn sie kann zu einer Verringerung der emotionalen Erschöpfung bis zu 11% beitragen.

In einer Reihe von Whitepapers gibt Jörg Bakschas, ein unabhängiger Arbeitsbereichsspezialist, Change Coach und Design Thinker, Einblicke, warum die Erfahrungen aller bei der Heimarbeit unterschiedlich sind und welche wesentlichen Überlegungen die Arbeitgeber bei der Umstellung auf ein Remote-Arbeitsmodell anstellen müssen.

Ich denke, dass viele Unternehmen durch das Corona Pandemie Geschehen völlig unvorbereitet das flexible Arbeiten, vor allem das Arbeiten im Homeoffice, eingeführt haben. Dabei stand in der Regel die technische Umsetzung unter Beachtung der Datensicherheit und IT-Ausstattung im Vordergrund. Im Laufe der letzten Monate haben ja auch große Unternehmen wie Siemens oder Google mit ihrer offenen Kommunikation zur zukünftig dauerhaft geplanten flexiblen Arbeit Zeichen gesetzt.

Ich sehe die größten Aufgaben für die Unternehmen allerdings nicht in der Lösung der IT-Technik, sondern bei der Veränderung der Mitarbeiterführung (Vertrauen statt Kontrolle) und der ergonomischen Gestaltung der 3rd Places. Hatten Unternehmen in der Vergangenheit vielfach flexibles Arbeiten grundsätzlich abgelehnt, so hat sich das jetzt grundlegend geändert. Man hat nach einigen Wochen festgestellt, dass im Durchschnitt sogar eine höhere Produktivität im Homeoffice erreicht wird.

Wir sitzen nicht alle im gleichen Boot!

Wir gehen normalerweise davon aus, dass wir und im Homeoffice besser konzentrieren können, die Zeit für die Arbeitswege sparen und weniger Lärm ausgesetzt sind. Im Homeoffice können wir unseren Tagesablauf selbst gestalten und sind somit selbstbestimmt. Im Vergleich zur Büroumgebung des Unternehmens sitzen wir aber im Homeoffice nicht alle im gleichen Boot. Jeder empfindet die neue Situation individuell, da sie von vielen Faktoren bestimmt wird, die im Firmenbüro nur eine untergeordnete, oder keine Rolle spielen. Das beginnt mit der Wohnsituation, die oft keinen Raum für einen festen Arbeitsplatz, beziehungsweise einen professionellen Bildschirmarbeitsplatz wie im Büro bietet.

Und es muss nicht unbedingt ruhiger sein im Homeoffice, denn es gibt Einflüsse durch familiäres Umfeld inklusive „Homeschooling“, Betreuung von Angehörigen etc.

Grundsätzlich könnte man sich im Homeoffice gesünder ernähren und mehr Sport machen. Im bisherigen Verlauf der Pandemie hat sich aber gezeigt, dass eben viele Menschen dazu tendierten sich eher ungesund zu ernähren, sich weniger zu bewegen und Gewicht zuzulegen. Das wiederum führt zu deutlich geringerer Zufriedenheit und Wohlbefinden.

Auch der Wegfall von Pendelzeiten trifft nicht auf alle Mitarbeiter zu, wenn sie in der Nähe des Firmensitzes wohnen.

Und natürlich sind nicht alle Unternehmen oder Geschäftsmodelle, und somit deren Mitarbeiterprofile gleich.

Welche Schritte sollten die Unternehmen einführen, um das physische und psychische Wohlbefinden flexibler Arbeitnehmer zu verbessern?

Wir müssen grundsätzlich zwischen der derzeitigen zwangsweisen Arbeit im Homeoffice oder anderen 3rd Places, wie zum Beispiel Coworking-Centern, und zukünftiger professionell und langfristig geplanter flexibler Arbeit unterscheiden.

Heute, in Zeiten der Pandemie, wirkt die zwangsweise Umstellung der Arbeit auf viele Arbeitnehmer wie ein kleines Trauma. Die gewohnte Sicherheit ist weg. Man muss seinen Tagesablauf und Gewohnheiten anders planen und gestalten. Die Ressourcen, die den Menschen für solche Anpassungen zur Verfügung stehen sind unterschiedlich, d.h. der eine macht das ohne Probleme, der andere entwickelt Anpassungsstörungen. Diese Anpassungsstörungen, wie z.B. Schlafstörungen oder Konzentrationsschwächen, können auch zeitverzögert auftreten. Sie könnten zum Burnout führen, oder verändern unter Umständen die ganze Persönlichkeit.

Die Menschen sind aber nicht nur von ihren eigenen Ressourcen her unterschiedlich. Einen nicht unerheblichen Einfluss auf das Wohlbefinden und die Arbeitszufriedenheit von Homeoffice Arbeitenden haben auch die Art der Tätigkeit (Komplexität der Arbeit, Selbständigkeit etc.) und die Führungsverantwortung. Also je höher der Entscheidungsspielraum und die Eigenverantwortung sind, desto ausgeprägter sind Wohlbefinden und Gesundheit im Homeoffice (Wieland, 1999).

Wir sollten allerdings bedenken, dass nicht alle Mitarbeiter selbstbestimmt, mit der neuesten IT-Technik ausgestattet, arbeiten wollen oder können. Wer in sein, hoffentlich ergonomisch gestaltetes, Homeoffice geht hat unter Umständen technische Probleme, die er bisher nicht hatte. Dazu ist er nun selbst dafür verantwortlich die gesamte Struktur des Tages, die bisher von den Kollegen und Abläufen in der Firma vorgegeben war, selbst zu gestalten. Und das führt bei einigen zu Stress oder einem Gefühl der Vereinsamung, jedenfalls zu psychischer Belastung.

Wenn die Pandemie vorbei ist, müssen sich sehr wahrscheinlich viele Menschen erneut umstellen, und zwar auf den alten Zustand. Diese Belastung wird bei einer langfristig geplanten und organisatorisch optimalen Einführung von flexiblen Arbeitsmodellen weitaus geringer ausfallen. Allerdings gibt es einige Grundsätze zu beachten.

  • Gewohnheiten und Verhaltensweisen müssen verändert werden und das ist besonders schwer für die Menschen. Das kennen wir aus vielen Change Projekten.
  • Die Struktur des Tagesrhythmus ist ein wichtiges Element für den Menschen welches unbedingt entsprechend gestaltet werden sollte.
  • Führung muss Vertrauen ausstrahlen, auch wenn man mal nicht erreichbar ist (Kinder, Angehörige etc.) darf keine Angst bei den Mitarbeitern entstehen.
  • Regeln aufstellen, sowohl für den Umgang miteinander als auch für die Arbeitsorganisation
  • Unterstützung der Arbeitnehmer bei der Organisation und Planung (Aufgaben, Ziele, ZEIT) wenn sie dies wünschen oder der Vorgesetzte merkt dass sie sich überlasten.
  • Unterstützung bei der ergonomischen Gestaltung der 3rd Places, zur Vermeidung von Pendelzeiten kann ggfs. auch dezentrale Fläche angemietet werden (Coworking etc.)

 

Einige Unternehmen planen, auf ein reines Fernarbeitsmodell umzustellen. Welche psychologischen Auswirkungen hätte dies Ihrer Meinung nach?

Ich bin kein Psychologe, aber aus meiner Coaching Praxis und verschiedenen Veröffentlichungen weiß ich, dass es mehrere grundsätzliche Probleme gibt:

  • Der Mensch ist ein soziales Wesen, auch in der Pandemie. Viele haben mit der Isolation große Probleme. Laut einer Linkedin-Studie zur mentalen Gesundheit (2020) vermissen 43,3 % der Deutschen ihre Kollegen.
  • Der Eine kommt mit der isolierten Arbeit im Homeoffice besser zurecht als der Andere. Wer schon früher eher Probleme mit direkter Kommunikation hatte und auch bisher lieber über soziale Netzwerke Kontakte hatte, der wird weniger Probleme mit dauerhafter Arbeit und virtueller Kommunikation im Homeoffice haben.
  • In der direkten Interaktion zwischen Menschen lassen sich die besten Ergebnisse erzielen, daher haben sich in den letzten Jahren die „New-Work“ Modelle entwickelt. Wir brauchen das Feedback auf unsere Aktionen. Fehlt dieses Feedback, dann neigen wir dazu, gerade bei wichtigen Aufgaben, nach mehr und besseren Ergebnissen zu suchen. Dies wird dann zu Erschöpfung und Unzufriedenheit führen.
  • Wir haben ja erlebt, dass einige Unternehmen in der Vergangenheit die Homeoffices teilweise wieder zurückgefahren haben, weil sie bemerkten, dass die Bindung der Mitarbeiter an das Unternehmen mit der Zeit nachgelassen hatte. Welche Auswirkungen dieses „Verlassen der vertrauten Gruppe“, also die Entfernung von der Corporate Identity, langfristig auf die Psyche hat müsste noch weiter untersucht werden.
  • Die Selbstorganisation ist oft schlechter als nötig, daher wird im Homeoffice bis zu zwei Stunden am Tag mehr gearbeitet (VPN Anbieter lt.Forbes-Bericht 2020)
  • In den letzten 5 Monaten ist durch Vermengung von Privatleben und unbewusst verlängerter Arbeitszeit im Homeoffice laut den deutschen Krankenversicherungen die Burnout Rate gestiegen. Wie die Linkedin-Studie zeigt fühlen sich beispielsweise 19,52 Prozent der Befragten unter Druck gesetzt, E-Mails schneller beantworten zu müssen.

 

Es ist also auf jeden Fall wichtig die Menschen individuell auf die langfristig geplante flexible Arbeit vorzubereiten. Ja nach Branche und Unternehmen sollte ein Mix an flexiblen Modellen definiert werden, welche die Mitarbeiter dann individuell nutzen könnten. Die Entscheidung wann, wo und mit wem gearbeitet werden soll wollen vor allem die jüngeren Generationen fallweise selbst entscheiden können.

Die Menschen brauchen neben der sachlichen Qualifikation auch die Fähigkeit zur Selbstorganisation und Selbstregulation wobei sie der Arbeitgeber vor Einführung der flexiblen Arbeit unterstützen muss. Das gleiche gilt für die organisationalen Bedingungen wie Arbeitsplatz und technische Ausstattung im Homeoffice. Eine reine Fernarbeit, ohne regelmäßiges Zusammentreffen mit Kollegen sehe ich langfristig, nicht zuletzt aus eigener Erfahrung in meinem Netzwerk, nur für einen geringen Teil der Menschen als geeignete Arbeitsform.

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